Wir sind nun schon einen Monat auf den Philippinen – die Hälfte unserer Zeit hier! Das Wetter ist sommerlich warm mit bis zu 36 Grad, aber die Arbeitstage laufen immer etwa gleich ab: wir verlassen unser Hotel um 7.15 Uhr und gehen bei angenehmen 26 Grad jeweils 850 m zu einem grossen Kreisel, wo wir den kleinen Bus nach Calaanan abpassen. Von 8 bis 16 Uhr sind wir meist im Büro und jetzt, wo die Hauptschule nur noch die Abschlussfeiern proben und der Schulbesuch teilweise freiwillig ist, ist es auch in unserem Center ruhiger geworden. Für uns kocht unsere Hauswartin jeweils Huhn und Reis oder Huhn Adobo (in einer Sauce) zu Mittag - etwas Anderes kann sie glaub nicht - und am Abend ist die Auswahl an Essensmöglichkeiten für uns auch recht limitiert. Doch gerade kürzlich haben wir ein libanesisches Restaurant gefunden! Endlich mal Essen mit Gewürzen, auch wenn ihre Auswahl nur Biryani Reis und Huhn oder Rind oder Shawarma ist. Da nehmen wir doch den laut schmatzenden und rülpsenden Tischnachbarn in Kauf. Dies sind leider normale Tischmanieren, auch das mit vollem Mund sprechen gehört dazu. Andere Länder, andere Sitten halt…
Nachdem Aiza
in ihrem neuen Zuhause eingezogen ist, suchen wir weiter nach einer Wohnung für
Keno. Grundsätzlich geht
es auch in diesem Fall darum, dem Batulong-Manager eine Möglichkeit durch ein
Darlehen zu bieten, dass er als 35-Jähriger zu Hause ausziehen und auf eigenen
Füssen stehen kann. Es ist auch eine Wertschätzung an ihn, denn wir wollen ihn
als Angelpunkt der Stiftung behalten. Von der Bruchbude, vollgestopft mit
Abfall bis zum schöneren, zweistöckigen Haus besuchen wir mehrere Objekte.
Jedes Mal gibt es aber kleine Hürden, z.B will sich jemand später nicht mehr an
die Abmachungen halten oder es fehlen Basisdokumente. Einmal sehen wir uns ein
Haus einer praktisch blinden, 65-jährigen Frau an, die Geld für ihre Operation
des grauen Stars benötigt und zu ihren Verwandten weiter südlich in Mindanao ziehen
will, weil sie kinderlos ist. 
links die Frau mit dem grauen Star
Das Häuschen würde viel Renovation benötigen und
es ist nicht das Richtige für Keno, aber wir unterhalten uns mit der alten Frau
und erfahren, dass sich die Nachbarn (zufälligerweise Batulong Unterstützte)
angeblich hilfsbereit gezeigt hätten, aber dann das Geld für die Medikamente
zur Vorbereitung der Katarakt-Operation selbst behalten hätten und danach für
einige Zeit in die Nachbarprovinz gereist seien. Natürlich werden wir der Sache
nachgehen und die Batulong-Familie zur Rede stellen, aber wir haben der alten
Dame auch versprochen, die Operation ihres Auges zu übernehmen (selbst wenn
beide Augen betroffen wären, könnte sie immerhin mit einem gut sehen).
Zusätzlich werden wir ihr helfen, weitere Unterstützung – vielleicht auch für
ihren Kropf – von der Sozialbehörde zu bekommen.
Das nächste Haus, das wir uns mit Keno ansehen, ist um einiges besser und wir haben schon die Zahlungskonditionen besprochen und am Nachmittag bei einem Notar abgemacht, als Keno nach dem Verlassen des Hauses von einer Frau angesprochen wird. Ich werfe noch einen Blick hinter das Haus, weil schönerweise dort nur ein Weg vorbeiführt und danach etwas Wald angrenzt, als ich von Weitem aus der Gestik der Frau erahne, dass da etwas im Argen liegt: sie ist sichtlich aufgeregt, ihre Stimme laut und sie zeigt immer wieder auf das Haus, das Keno kaufen möchte. Es stellt sich heraus, dass die erboste Frau die Schwester der jetzigen Hausbesitzerin ist und mit dem Verkauf des Hausteils nicht einverstanden ist, weil er früher ihrer Mutter gehört hat.
Wir gehen
zurück zur Hausbesitzerin und kurz danach entfacht ein lautstarker Streit
zwischen den Schwestern. Keno verlässt fast fluchtartig den Ort natürlich sind
wir alle enttäuscht, weil aus dem interessanten Projekt und der super Lage offenbar
nichts wird. Aber kurz darauf einigen sich die Streithähne und erscheinen bei
uns im Büro und versprechen, dass alles einvernehmlich stattfinden wird.
Philippinische emotionale Berg – und Talbahn… 
vielleicht das Beste an Keno's Häuschen ist der Balkon, von dem man Mangos vom Baum gegenüber pflücken kann... 
nach dem Streit - alle wieder friedlich zusammen
Der Verkauf findet einige Tage später statt und die Frau, die das Haus verkauft, erlebt schmerzlich, wie skrupellos Kredithaie handeln: sie hatte ein Darlehen von 100'000 Pesos (etwa 1500 Fr), ausgelegt als Hypothek und klar mit der Absicht, dass der Kreditgeber – der Chef der Frau! – später das Häuschen übernehmen würde, weil die Kreditnehmerin unmöglich den Batrag zurückzahlen könnte, ohne das Haus zu verkaufen. Monatlich sollte sie 123 Fr. zahlen und sie rechnete mit 738 für die letzten 6 Monate, aber der Kredithai will alle zukünftigen Zinse bis zum Ablauf der Hypothek in zwei Jahren. Nach 6 Monaten Kredit von 1500 Fr muss sie nun über 4000 Fr zurückzahlen!
Am Mittwoch findet die Batulong-Schulreise, «Educational Tour», für die 7. und 8.-klässler statt. Zuerst geht es in ein Naturreservat mit einer schönen, kurzen (für unsere Verhältnisse) Wanderung durch einen Wald. Immer ein Highlight für uns ist der 49 Meter hohe Drachenapfel-Baum, der auf gute 200 Jahre geschätzt wird. Sein Durchmesser von 2.20 ist beachtlich und glücklicherweise wurde er schon früh unter Schutz gestellt.![]() |
| Blick auf Cagayan de Oro |
| Hängebrücke zur Arche Noah |
Wir fahren
mit unseren 4 Jeepneys (es sind wahrhafte Dreckschleudern, aber wir haben nicht
wirklich eine Alternative) zu einem Ausflugsziel mit einer rekonstruierten
Arche, viel asiatischem Kitsch und bedauernswerten Tieren (Tiger, Schlangen,
Affen, Krokodile) in Beton oder Metallgitter-Gehegen. Es ist uns bewusst, dass
dies vermutlich die einzige Möglichkeit für Batulong-Kinder ist, solche Tiere
einmal in Realität zu sehen, aber es macht uns dennoch traurig. Im Infinitiy-pool
finden wir aber alle Abkühlung und haben
viel Spass. Als ich nach Aiza Ausschau halte, erfahre ich, dass sie mit Jacklyn
und einer Freundin im Kinderbecken ist, weil sich Jacklyn nach wie vor wegen
ihren Narben nach der Lippenscharten-Operation schäme. Sie hält immer eine Hand
vor den Mund. So gehe ich zu ihnen hinunter um zu sehen, wie der Stand nach der
letzten OP ist. Das Mädchen hat kein Problem, mir ihre Lippe zu zeigen und es
ist schon so, dass die Narben und verschieden gefärbten Hautteile gut sichtbar
sind, aber sobald sie die künstlichen Frontzähne hat, erwarten wir ein
bedeutend besseres Aussehen. Einerseits ist das Resultat recht gut, aber als
ich sage, es sei doch okay, schüttelt sie traurig den Kopf und ich verstehe sie
auch. Obwohl es so viel besser ist als vorher, ist es einfach noch nicht
zufriedenstellend. Ich spüre so stark, dass der Teenager sich einfach nur
wünscht, "normal" auszusehen und ich verspreche ihr, dass wir weitere
Möglichkeiten versuchen werden, denn das Ziel ist, dass sie sich ohne Maske oder
Hand vor dem Mund unter die Leute getraut. Ich kämpfe mit den Tränen, so leid
tut sie mir in ihrer Situation.
Ein anderes
Mädchen ist Andrea, die durch ihre stark gelockten Haare auffällt. Ich finde
ihren Afrostyle super, aber unter all den Filipinos mit langen, glatten Haaren
sticht sie heraus. Ob dies der Grund ist, dass sie immer alleine ist, weiss ich
nicht. Keno sagt, sie sei eine Einzelgängerin und am nächsten Tag kommt
zufälligerweise ihre Mutter zu uns ins Center und wir fragen nach, aber auch
mit der Mutter tauscht Andrea ihre Gedanken nicht aus. Da kommt mir in den
Sinn, dass ich ein Foto von Andrea bei den Koi-Aquarien gemacht habe, welches
ich der Mutter für das Mädchen mitgebe. Und dann erzählt diese, der Junge neben
ihrer Tochter auf dem Foto habe Andrea motiviert mitzukommen und sie am Morgen
der Tour zu Hause abgeholt. Was für eine wunderschöne Geschichte! Andrea mit ihrem guten Freund
Wir sind froh, die laute, stinkende und überbevölkerte Stadt zu verlassen. Zwischendurch haben wir das Gefühl als wären wir in einer Konfrontationstherapie, in der man sich Widerstandskraft erarbeiten muss: die vielen Menschen auf der Strasse, die oft nicht schauen, wo sie hingehen oder die Unsitte, in voller Lautstärke durch Tiktok zu scrollen im Bus mit dem unvermeidlichen Wechsel der Hintergrund-Geräusche nach 10 Sekunden. Die Reichen mit ihren SUVs, die irgendwo mit laufendem Motor stehen, um schön kühl im Auto zu haben und dass es generell niemanden interessiert, ob die Natur zerstört wird oder nicht. Man fühlt sich, als wäre man in einem brennenden Haus mit einer Giesskanne zum Löschen.
So beschränken wir unsere Energie auf unser Hilfswerk und helfen, wo Hilfe am nötigsten gebraucht wird. Zum Beispiel bei der alleinerziehenden Mutter von drei Kindern, die auf einem Hügel (ohne Strom und Wasser) lebte. In ihrer Abwesenheit ist die ganze Hütte – vermutlich wegen einem nicht vollständig gelöschten Feuer – abgebrannt.
vorher - nachher :-(Sie erhält zwar etwas Reis und offenbar einige Baumaterialien für ein neues Häuschen vom Dorf, aber sollte sie weitere Hilfe benötigen, sind wir da. Glücklicherweise kann die Familie bei ihren Grosseltern wohnen (wo eigentlich kein Platz ist), und da könnte z.B unser grosses Schutz-Zelt von 2011, als bei uns die verheerende Flut Sendong war, vorübergehend von Nutzen sein.
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| möglicherweise baut die alleinerziehende Mutter ihr Häuschen auf dem Platz im Vordergrund beim Haus der Eltern |
In der Zwischenzeit sind wir wieder nach Camiguin gereist, wo wir über Ostern und noch etwas länger Urlaub machen, weil bei Batulong Sommercamp und Retreat stattfinden werden. Der nächste Bericht folgt wieder in 1-2 Wochen und wird jeweils in meinem Status in Whatsapp angekündigt.
Wir danken euch fürs Lesen unseres Blogs und wünschen schöne Oster- und Frühlingstage.
Bambus: er ist wichtiges Baumaterial und wächst bis zu einem halben Meter im Tag! Deshalb hört man es knacken, wenn man vorbeigeht, und da Bambus zu den Grasgewächsen gehört, hört man tatsächlich das Gras wachsen....







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